Vier Holacracy Hacks

Ok, diese Tipps “Hacks” zu nennen ist ein wenig irreführend, denn sie brechen keine Regeln, aber sie fühlen sich irgendwie wie Hacks an.

Hinweis: Da die Holacracy Verfassung Version 5.0 ausgerollt wird, werde ich die Begriffe wie “Lead Link / Kreis-Lead” kombinieren, um verwandte Konzepte zu beschreiben, unabhängig von der Version die du verwendest. 

1. Outsource deine Arbeit

Nur weil du eine Rolle innehast, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass du die Arbeit erledigen wirst. Eine Rolle zu füllen ist wie ein Unternehmer zu sein. Und für eine Rolle zu sorgen bedeutet nur, dass du dich um diesen Bereich der Arbeit kümmerst – wie du dorthin gelangst, hängt ganz von dir ab. Es ist Selbstorganisation auf jeder Ebene, einschließlich deiner eigenen Rolle, denn du kannst selber bestimmen, wie du dich und deine verfügbaren Ressourcen organisierst, um den Sinn und Zweck deiner Rolle zu erfüllen. 

Ich habe z.B. eine Zeit lang eine Grafikdesign Rolle gefüllt, obwohl ich kein professioneller Grafikdesigner bin. Stattdessen, habe ich für die meisten Projekte einen professionellen Designer beauftragt. Die Arbeit, die ich getan habe, bestand zumeist darin, den Umfang des Projekts zu umreißen, Budgetfreigaben zu bekommen und mit dem Vertragspartner zu arbeiten. 

Das ist wichtig zu wissen, denn neue Praktizierende neigen dazu, eine beschränkte Sicht (und Interpretation) ihrer Rolle zu haben, statt kreative Weisen in Betracht zu ziehen, wie sie dieselben Erwartungen erfüllen können. 

Hier sind ein paar Beispiele, bei denen dieses Wissen hilfreich sein kann: 

  • Jemand bittet die Curriculum Support Rolle ein Quiz für den Software-Entwicklungskurs zu entwickeln. Die Rollenfüllerin denkt, dass das Ergebnis zu ihrer Rolle passt, aber will das Projekt nicht annehmen, weil sie nicht die Fachkenntnis in Software-Entwicklung mitbringt. Erinnere sie daran, dass: 1) wenn sie denkt, dass es zu ihrer Rolle passt (und es ein Ergebnis ist, das Sinn macht), dass sie es dann annehmen weiterverfolgen muss; 2) dass sie das Ergebnis erreichen kann, indem sie regelmäßige Meetings mit dem Kursleiter ansetzt, seine Weisheit nutzt, und das Quiz basierend auf seinem Feedback weiter entwickelt.
  • Organisationen mit vielen Freiwilligen oder saisonalen Mitarbeitern, für die eine Menge Training in Holacracy-Praxis sich nicht lohnt, mögen finden, dass statt Rollen für temporäre Mitarbeiter zu schaffen, sie eine einzelne Rolle schaffen könnten (z.B. “Freiwilligen Koordinator”), deren Zweck und Verantwortlichkeiten das Management der fortwährenden Arbeit umfasst, die die Freiwilligen erledigen. 
  • Als Lead Link / Kreis-Lead fällt es dir schwer eine*n Rollen-Lead für eine bestimmte Rolle zu finden. Tja, wenn die Expertise nicht innerhalb der Firma zu finden ist, gibt es irgendjemanden mit der Erfahrung, einen Vertrag zu managen? Oft reicht es schon, einfach eine*n Rollen-Lead mit guten generellen oder Projektmanagement-Fähigkeiten zu haben. So kann jemand die “Buchhaltung” Rolle füllen, doch die Person fungiert hauptsächlich nur als eine Liaison für eine externe Buchhaltungsfirma.

Hinweis: Ich sage nicht, dass das immer der richtige Weg sein muss. Dies sind nur Beispiele zur Illustration.

2. Frage das für dich perfekte Projektergebnis an

Im Grunde bedeutet das: bitte um die Sache, die du willst – nicht nur die Sache, von der du glaubst, dass sie dir jemand geben kann. Lass uns sagen du hast Probleme damit, den Kunden zu erklären, warum eure Produkte besser sind als die der Konkurrenz, und du würdest gerne, dass der Webseite Manager ein visuelles Diagramm erstellt, das hervorhebt, wie eure Produkte im Vergleich dastehen. 

Doch statt um dieses spezifische Ding als Projekt zu bitten (d.h. das visuelle Diagramm), erwäge stattdessen anzufragen, “Die Webseite grenzt uns klar von unseren Konkurrenten ab”, und überlasse es dem Urteil dieser Rolle, wie dieses Ergebnis am besten zu erreichen ist. 

“Sei niemals so sicher darüber, was du willst, dass du nicht etwas Besseres nehmen würdest.”  - Chris Voss

Natürlich kannst du auch den Vorschlag machen, dass ein Diagramm ein großartiger Weg wäre, um dieses Ergebnis zu erreichen, und falls du dir sicher bist, dass das der einzige Weg ist, wie man das tun kann, dann ist es auch gut. Doch ich habe festgestellt, dass sich die Praktizierenden oft am Ende selber einschränken (und ihre Kreise), indem sie zu viel Verantwortung übernehmen und versuchen, zu spezifisch zu sein. Eine der besten Dinge an der Holacracy-Praxis ist, das du dich leicht davon entlasten kannst, herauszufinden, wie jemand anders ein Ergebnis erreichen kann. 

Hier sind ein paar Beispiele dafür, wann dieses Wissen hilfreich sein kann: 

  • Während eines Tactical Meetings bringst du ein Agendapunkt ein, um ein Problem zu erklären und nach ungefähr 5 Minuten ist die Diskussion zu einer Debatte über 2 oder 3 mögliche Lösungen geworden. Statt zu versuchen, herauszufinden, wie du dieses Problem lösen solltest, bitte die verantwortliche Rolle einfach um ein Projekt wie “Das Problem tritt nicht wieder auf.”
  • Du fragst ein Projektergebnis von einer anderen Rolle an, “Übersetzung für alle Marketingmaterialien ist fertig gestellt”, und während die Marketing Rolle verantwortlich dafür ist, sich um die Übersetzungen zu kümmern, denkt der Rollen-Lead nicht, dass dieses spezifische Ergebnis Sinn macht. Statt nun hin und her zu debattieren, oder Zeit damit zu verschwenden, etwas zu erraten, das er akzeptabel finden würde, frage stattdessen einfach: “Tja, angesichts dessen, was ich über das Problem erzählt habe, welches Ergebnis würde für dich Sinn machen?”

Vergleiche eine Projektanfrage mit dem Einbringen eines Governance-Vorschlags; du solltest mit deinen 100% anfangen. Fange nicht mit einer verwässerten Version an. Es ist nicht dein Job, herauszufinden, wie sie es erreichen. Es ist dein Job, herauszufinden, was du willst. Das ist Teil der Magie der Definition eines Projekts als einfach “ein Ergebnis”.

3. Mache dir Meetings zu Diensten

Gehe nicht zu einem Tactical oder Governance Meeting nur weil du denkst, dass du es musst. Wenn du hingehen musst, geh hin. Doch gehe nicht unbewusst aus einem vagen Gefühl der Verpflichtung heraus. Mache dir Meetings zu Diensten, was verschiedene Dinge bedeutet: 

  • Wenn nötig, lasse Meetings aus. Meeting Zeiten sind immer ein Kompromiss vieler konkurrierender Prioritäten und Terminkalender, und manchmal macht es keinen Sinn hinzugehen. Die Frage, die du dir selber stellen solltest, lautet, “Wenn jeder andere völlig ok damit wäre, wenn ich dieses Meeting auslasse, würde ich immer noch hingehen wollen?”
  • Komme später rein oder verlass es früher. Falls du nur ein bisschen Zeit erübrigen kannst, dann zögere nicht, unangekündigt reinzukommen. Oder, falls du etwas bestimmtes hast, das du adressieren willst, fühle dich nicht schlecht, wenn du deine Beteiligung auf dieses eine Thema begrenzt. Sag einfach, “Hey, ich gehe früher, also Pitch an die Prozessmoderatorin, alle Themen zu priorisieren, die mich betreffen.”
  • Füge eigennützig deine eigenen Agendapunkte hinzu. Es ist nicht deine Aufgabe sicherzustellen, dass du nicht zu viel der gemeinsamen Zeit in Anspruch nimmst. Das ist die Aufgabe des Prozessmoderators. Der Prozess will von dir, dass du eigennützig bist, denn du weisst am besten, was du willst. Und wenn du deine eigenen Punkte nicht hinzufügst, dann sickert deine unterdrückte Spannung wahrscheinlich ohnehin während des Agendapunkts von jemand anderen durch. Da der Prozessmoderator für die Priorisierung der Punkte verantwortlich ist, und wir uns alle einfach abwechseln, kannst du dich voll und ganz darauf konzentrieren, dir zu holen, was du brauchst.
  • Setze deine eigenen Spezialthemen Meetings (STM) an. Tactical und Governance Meetings sind die Grundlage der Holacracy Praxis, doch sie sind bei weitem nicht die einzigen Meetings, die du brauchen wirst. Willst du dich auf ein spezifisches Projekt konzentrieren, an dem du arbeitest? Nun, dann verschicke ein paar Meeting Einladungen und lasse die Weisheit anderer für dich arbeiten. Und sie brauchen noch nicht mal relevante Rollen, um es zu tun. In Wirklichkeit sind Menschen oftmals eher bereit Hilfe anzubieten, wenn es klar ist, dass du es als Geschenk betrachtest, und nicht als etwas, das du erwartest. 

4. Lege eine Rolle nieder

Die dynamische Governance von Holacracy erlaubt es uns, die Rollen, die wir füllen, kontinuierlich weiter zu entwickeln – doch das ist nicht der einzige Weg, wie sich die Organisation entwickelt. Zu entscheiden, wer in welcher Rolle ist, kann die Organsationslandschaft ebenfalls transformieren. Zu oft vergessen Rollen-Leads, dass sie jede Rolle niederlegen können – es sei denn, eine explizite Richtlinie sagt etwas anderes. 

“Die Essenz von Strategie besteht darin, zu wählen, was nicht zu tun ist.”

- Michael Porter

Sieh das nicht als eine Flucht vor deinen Verantwortlichkeiten. Das ist es nicht. Erinnere dich, dass es die Verantwortlichkeit der Lead Link /Kreis-Lead Rolle ist, Rollen-Leads zu finden, nicht deine. Eine Rolle zu verlassen, eröffnet tatsächlich neue Möglichkeiten. Selbst deine Absicht eine Rolle zu verlassen, kann ein klärendes Gespräch auslösen. Doch nichts zu tun und den Schmerz, eine Rolle nicht füllen zu wollen, zu verstecken, hilft weder dir noch der Organisation. 

Hier sind ein paar Beispiele, wo ich davon Gebrauch gemacht habe: 

  • Ich hatte lange die Trainingsdesign Rolle bei HolacracyOne inne. Und es kam an einen Punkt, wo ich sie nicht mehr besonders mit Leben füllte, doch ich immer noch die Bürde empfand, Nachrichten zu verarbeiten und zahlreiche Projekt zu verfolgen und durchzusehen. Also informierte ich den Lead Link/ Kreis-Lead, dass ich die Rolle verlassen wolle. Nun, in diesem Fall war die Antwort, die ich bekam in etwa, “Tja, du bist immer noch der beste Kandidat, den ich in der Organisation finden kann, und selbst wenn du selten irgendetwas tust, bist du immer noch meine erste Wahl.” Mit diesem Wissen habe ich die Rolle für weitere 6 Monate fortgeführt, doch ich fühlte mich so viel besser damit, sie zu depriorisieren.
  • In einem Governance Meeting schlug der Lead Link/ Kreis-Lead eine neue Verantwortlichkeit an meiner Rolle vor, die mir nicht gefiel. Doch als ich darüber nachdachte, realisierte ich, dass die Verantwortlichkeit tatsächlich zur Rolle passte, ich wollte nur einfach diese Arbeit nicht tun. Das heißt, meine Spannung stammte nicht rein aus der Perspektive der Rolle, sie kam von mir persönlich. Also was tat ich? Nun, ich habe keinen Einwand erhoben. Stattdessen schrieb ich umgehend eine Email an den Lead Link/ Kreis-Lead dieses Kreises, dass ich diese Rolle verlassen möchte.

Fazit

Wenn Holacracy wie ein Spiel ist, dann sind seine Regeln nur der Anfang. Die Kunst besteht darin, wie die Spieler entscheiden die Regeln anzuwenden und zum Leben zu erwecken; wie sie sie ineinander weben, um auf elegante Weise ihre einzigartigen Herausforderungen zu meistern. Diese “Hacks” sind einige der wichtigsten (und am meisten unterschätzen) strategischen Spielzüge, die den Praktizierenden zur Verfügung stehen. Hab keine Angst sie zu nutzen. 

 

 

Dieser Blogbeitrag erschien erstmals auf dem Blog von HolacracyOne. Das Original findest du hier. Die Übersetzung stammt von Dennis Wittrock, Xpreneurs. Mit freundlicher Genehmigung von HolacracyOne.

 

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