Zwei Arten, Holacracy anzupassen

 

Wenn ich als Coach für Holacracy® mit Menschen spreche, die sich ernsthaft für diese Methode der kollektiven Selbstorganisation interessieren, dann dauert es in der Regel nicht lange, bevor die Frage kommt: „Aber können wir Holacracy auch auf unsere Bedürfnisse anpassen?“. Manche formulieren es nicht mal mehr als Frage, sondern direkt als konkrete Absicht, „Wir passen das dann so an, wie wir es brauchen!“

Das ist nur allzu verständlich. Niemand lässt sich gerne ohne Not in das Korsett einer bestimmten Methode zwängen. Die Befürchtung lautet meist, dass die Regeln von Holacracy zu starr sind und dass diese Starrheit letztlich dazu führt, dass der gesunde Menschenverstand abgeschafft wird und pragmatisches Handeln in einem solchen System nicht mehr möglich ist. Oder, dass man sonst zu einem seelenlosen Roboter wird, oder dergleichen.

Daher vorweg gleich die Entwarnung: 

Ja, man kann Holacracy auf seine Bedürfnisse anpassen.

In diesem Artikel möchte ich diese grobe Idee der Anpassung des Modells allerdings mal in zwei Aspekte differenzieren, die in dieser Diskussion leider selten unterschieden werden:

  1. Anpassungen innerhalb der Regeln von Holacracy (Anpassung der Governance)
  2. Anpassung der Regeln von Holacracy selbst (Anpassung der Verfassung)

1. Anpassungen innerhalb der Regeln von Holacracy (Anpassung der Governance)

Die erste Art der Anpassung von Holacracy ist empfehlenswert und quasi unausweichlich. Organisationen verfolgen unterschiedliche Zwecke und existieren in unterschiedlichen Umwelten. Daher werden sie logischerweise unterschiedlich aussehen.

Mit anderen Worten: die Kreise, Rollen, Verantwortlichkeiten, Richtlinien und Domänen, mithilfe dessen sie ihre Strukturen in Holacracy definieren, werden sich notwendigerweise unterscheiden. Niemand denkt ernsthaft, dass es die eine richtige Standard-Form gibt, wie alle Organisationen aussehen sollten. Das ist trivial.

Nein – jede holakratisch strukturierte Organisation wird einzigartig sein und ihre einzigartigen Bedürfnisse auf der Ebene ihrer Governance-Aufzeichnungen ausdrücken. Die Mitarbeitenden nutzen die Regeln, Prozesse und Strukturen von Holacracy, um diese Einzigartigkeit, quasi die „DNA ihrer Organisation“, in ihre Governance-Aufzeichnungen zu kodieren und dort kontinuierlich weiter zu evolvieren. Diese Art der „Anpassung“ von Holacracy kann ich uneingeschränkt empfehlen.

2. Anpassung der Regeln von Holacracy selbst (Anpassung der Verfassung)

Was die allermeisten Leute stattdessen meinen, wenn sie davon reden, Holacracy auf ihre Bedürfnisse anpassen zu wollen, ist die Anpassung der Regeln von Holacracy selbst.

Wie gesagt, der Impuls ist verständlich: man möchte sich nicht irgendeiner fremdartigen Disziplin beugen, sondern man möchte sich am liebsten seine eigene Lösung stricken und sich in diesem Vorgehen aus dem reichhaltigen Holacracy-Ideen-Fundus bedienen und es intelligent mit anderen Fundstücken anderer Methoden ergänzen.

Vielleicht möchte man dieser Schöpfung am Ende sogar noch sein eigenes Firmen-Branding aufdrücken (Formel: „[Name der Firma]+cracy“)  und die Welt damit beglücken. All das ist nicht verboten und ich wünsche viel Erfolg damit. Mögen tausend Blumen blühen.

Ich würde allerdings davor warnen, Holacracy zu schnell auf der Ebene der fundamentalen Regeln, das heißt auf der Ebene der Verfassung, anzupassen, bevor man es in der Praxis richtig gemeistert und durchdrungen hat. Wie lange das dauert, weiß ich nicht genau, aber sicherlich nicht innerhalb der ersten 3-5 Jahre der Praxis.

Bevor man also der Hybris anheimfällt und die Holacracy-Verfassung zerpflückt, als wäre es irgendein beliebiger Text, empfehle ich, innezuhalten und etwas Demut zu üben. Ja, ich weiß, das ist eine Tugend, die auf LinkedIn, Instagram oder TikTok nicht besonders sexy rüberkommt.

595px-Constitution_of_the_United_States,_page_1Vielleicht kann die US-Verfassung als guter Vergleich dienen. In dieses Dokument sind Jahrhunderte menschlicher Erfahrung in Form von Schweiß, Blut und Tränen eingeflossen. Sie kann verändert werden, aber es ist alles andere als leicht. Die US-Verfassung wird fast wie ein Heiligtum behandelt.

Ich will jetzt nicht dafür plädieren, die Holacracy-Verfassung als neue Bibel der einen, wahren Organisationsreligion aufs Podest zu heben. Mein Punkt ist vielmehr, dass manche Texte eine Tiefe haben, die man nicht auf ihrer Oberfläche erkennen kann. Die Holacracy-Verfassung verdient Respekt, denn auch in sie sind Schweiß, Blut und Tränen aus tausenden praktischen Experimenten eingeflossen. Um jede Formulierung wurde in der Gemeinschaft der Praktizierenden gerungen und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.

Es ist also nicht irgendein Text. Die Holacracy-Verfassung nötigt einem Respekt ab. Die in sie eingebetteten Regeln, Werte und Prinzipien sind intelligenter und weiser als unsere schnodderige copy-paste Haltung, mit der wir uns ihrer Inhalte bemächtigen und für unsere Zwecke instrumentalisieren wollen.

Um die Geschenke der Holacracy-Verfassung wirklich empfangen zu können, braucht man die Demut, sich – zumindest für eine Weile – auf ihre Regeln einzulassen und ihr Vorschussvertrauen zu schenken.

Stell dir vor, du lernst ein neues Spiel, z.B. Schach. Fängst du nach dem dritten Spiel schon damit an, die Regeln anpassen zu wollen? Die Regeln haben einen Sinn! Sie sind nicht aus Zufall so, wie sie sind. Sie sind ein fein kalibriertes und aufeinander abgestimmtes System. Gib dir genug Zeit, um das Spiel wirklich würdigen zu können, bevor du darin herumfuhrwerkst.

Ebenso sind die Regeln von Holacracy ein delikat abgestimmtes, evolviertes System. Die Verfassung ist trotz allem nicht in Stein gemeißelt, sondern hat sich jahrelang über mehrere Versionen entwickelt, aktuell Version 5. Ihr „Code“ wird auf der Programmierplattform GitHub hier von der weltweiten Community of Practice weiterentwickelt. Sie ist open-source. Jeder darf sie kostenfrei nutzen. Es darf sogar jeder eine eigene Kopie des Codes machen und basierend darauf seine eigene Version iterieren, oder in Software-Sprech: jeder darf die Verfassung „forken“, d.h. eine Abzweigung machen. Doch nicht alles, was erlaubt ist, ist automatisch eine gute Idee.

Statt also Holacracy anzupassen, indem man einen eigenen Fork der Verfassung macht, der dann in einer weiteren zwar gebrandeten, doch letztlich belanglosen Sackgassen-Version von Holacracy resultiert, würde ich die Besserwissenden herausfordern, ihre Verbesserungsvorschläge der Gemeinschaft der Holacracy Praktizierenden zu unterbreiten und zur Verfügung zu stellen.

Was das Feuer dieser Prüfung übersteht, das ist es wirklich wert, als Verbesserung für alle Holacracy-praktizierenden Unternehmen in Betracht zu kommen. Außerdem ist es ein nobler Weg, der Community etwas von den Geschenken zurückzugeben, die man durch Holacracy empfangen hat.

Prüft auch, ob ihr die Regel, die ihr in eure Verfassung schreiben wollt, nicht vielmehr lieber in Form einer Richtlinie auf der Ebene des Ankerkreises in Governance, oder in Form einer Beziehungsvereinbarung oder in Form einer Anpassung des Arbeitsvertrages erfassen wollt. Die Verfassung ist aus oben genannten Gründen der letzte Ort, den ich dafür wählen würde.

Fazit

Ich empfehle Holacracy innerhalb der Regeln der Verfassung anzupassen. Die Anpassung der Regeln der Holacracy-Verfassung selbst kann ich nur dann empfehlen, wenn man zuvor ausreichend Erfahrung in der Praxis gesammelt hat (mehrere Jahre) und wirklich nützliche Neuerungen entwickelt hat. Eigene Forks der Verfassung zu machen, die euch lokal nützen, ist legitim, doch prüft zuvor alternative Medien zur Erfassung euer Erwartungen. Wenn ihr tolle Ideen und Regeln entwickelt habt, dann denkt auch an die größere Gemeinschaft der Praktizierenden und bringt eure Ideen auf der GitHub-Instanz der Holacracy-Verfassung ein.

P.S.:

„Struktur“, „Regeln“, „Demut“, „Respekt“, „Gemeinschaft“, „selbstloses Geben“… – meine Güte, wenn ich mich selber so lese, dann klingt Holacracy fast wie klassisch traditionelle Werte, die wir im Laufe der Moderne und Postmoderne beerdigt haben. Doch es ist soviel mehr als bloß ein überraschendes Revival der „verstaubten“ Werte unserer Ahnengeneration.

Es ist ein überaus dynamisches, selbstkorrigierendes System, das jeweils diejenigen polaren Werte und Qualitäten in den Vordergrund rückt, die gerade gebraucht werden, weil sie derzeit kulturell unterrepräsentiert sind. Insofern ist die Holacracy-Praxis ist ein Spiegel für die individuelle und kollektive Selbsterkenntnis. Schau mal wieder rein!

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