Wie wird man Holacracy Coach?

Dennis Wittrock

Dieser Artikel beschreibt den Ausbildungsweg zum zertifizierten Holacracy® Coach und was man in den verschiedenen Phasen tun kann, um die Herausforderungen auf dem Weg zu meistern.

Holacracy ist eine faszinierende Praxis des Selbst-Managements, welche innerhalb der letzten Dekade ein komplett neues Management-Paradigma hervorgebracht hat – mit eigenen Regeln (Holacracy Verfassung), mit veränderten Gewohnheiten im Arbeitsalltag, sowie neuen Anwendungen („Apps“) innerhalb dieses neuen Spiels. Kurzum, es ist eine komplett eigene Welt als Alternative zum klassischen Spiel der Management-Hierarchie. In diesem Artikel erfährst du, wie man in dieser Welt von Holacracy die verschiedenen Level vom blutigen Anfänger bis zum zertifizierten Coach meistern kann.

Zunächst kann man grob drei Phasen unterscheiden:

  1. Die Praxis kennenlernen
  2. Ausbildung und Zertifizierung
  3. Als Holacracy Coach arbeiten

Darüber hinaus kann man noch den „Holacracy Master Coach“ Rang erreichen.

1. Die Praxis kennenlernen

Die meisten Menschen kommen zuerst mit Holacracy in Berührung, wenn sie einen Artikel über eine neuartige Organisationsstruktur lesen, in der es keine Manager*innen mehr gibt. Dann lesen sie vielleicht noch einen zweiten und dritten Artikel, googeln ein bisschen rum, schauen ein paar YouTube Videos und sind fasziniert. Als nächstes kaufen sie sich vielleicht das Buch von Brian Robertson, „Holacracy: Ein revolutionäres Management-System für eine volatile Welt“. So langsam merken sie, dass das zwar alles sehr spannend ist, aber dass man sich die entscheidenden Fragen nicht durch das Lesen beantworten kann, sondern nur durch das Erleben und die Praxis mit erfahrenen Menschen.

Individuen: Einführungsworkshop (1 Tag)

Wenn es interessierte Einzelpersonen sind, besuchen sie an dieser Stelle vielleicht einen niederschwelligen, eintägigen Einführungsworkshop („Taster Workshop“), um in spielerischen Simulationen die Meeting Strukturen von Tactical und Governance Meetings aus der ersten Person-Sicht zu erleben und sich einen Eindruck zu verschaffen.

Organisationen: Discovery Workshop (2 Tage)

Gründer*innen oder Führungskräfte einer Organisation buchen an dieser Stelle vielleicht einen zweitägigen Discovery-Workshop mit einem qualifizierten Coach oder Holacracy-Provider, bei dem sie nicht nur Live-Simulationen der Meetings durchspielen, sondern zuvor auch noch die aktuelle Struktur der Arbeit ihrer Organisation in eine eigene Holarchie von Kreisen übersetzen. Danach haben sie ein klareres Bild davon, ob und wie ihnen die Praxis nützlich sein kann und engagieren entsprechend eine Begleitung durch einen qualifizierten Coach oder Holacracy-Provider.

Do-it-yourself Einführung

Manche Organisationen, häufig sind es Start-ups, sind mutig oder verzichten aus Mangel an Ressourcen auf die Investition in eine solide Holacracy-Begleitung von außen. Stattdessen wagen sie sich, ausgestattet mit allem, was man schriftlich zu dem Thema zusammentragen kann, auf ihre eigene Lernreise. Viele Firmen scheitern allerdings bei diesem Versuch – insbesondere, wenn sie anfangen, gleich die Regeln der Verfassung zu verändern, bevor sie überhaupt verstanden, geschweige denn sauber umgesetzt haben. Es ist ohnehin ein anspruchsvoller Lernweg – selbst ohne fehlende Unterstützung durch Coaches von außen. Nur wenige schaffen es, sich auf diese Weise autodidaktisch am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, denn alte Gewohnheiten sind schwer zu überwinden. Zudem gelten die Propheten im eigenen Land oft nicht viel. Am Ende ist das Ergebnis daher selten Holacracy, wie es eigentlich gedacht ist, sondern etwas anderes.

Die Basis: eigene Holacracy-Praxis in einer Organisation

Idealerweise münden alle diese Pfade irgendwann darin, dass man – so gut man es eben versteht – Holacracy regelmäßig im Rahmen einer bestimmten Organisation praktiziert. Diese Erfahrung der täglichen Holacracy-Praxis bildet dann die notwendige Grundlage für alle weitere Ausbildung in Richtung Holacracy Coach. Wenn dieses Element fehlt, ist es später so gut wie unmöglich, anderen authentisch die Nuancen der Praxis zu erklären.

2. Ausbildung

Die folgenden Schritte sind empfehlenswert, wenn man sich nach und nach auf eine Holacracy Zertifizierung vorbereiten will.

Holacracy Praxis Training (HPT)

Das Holacracy Praxis Training ist gewöhnlich ein viertägiges, öffentliches Training (bzw.  ein über mehrere Wochen gestrecktes Online-Training), bei dem man anhand eines detaillierten Simulationsszenarios lernt, innerhalb einer holakratischen Struktur zu arbeiten. Insbesondere bekommt man ein gründliches Training, um sicher in der Prozessmoderation (Facilitation) zu werden. Alle Teilnehmenden müssen mehrfach selber ran und beide Meetingformate moderieren und bekommen detailliertes Feedback dazu. Zudem werden auch die strukturellen Aspekte vertieft und alle bis dahin aus der alltäglichen Praxis angestauten Fragen beantwortet.

Online Selbst-Assessment

Vor einigen Jahren war es noch Standard, dass man, um sich für ein Coach-Training anmelden zu können, zuvor ein ca. einstündiges Online Selbst-Assessment Formular ausfüllen musste. Nur ab einer Quote von etwa 85% richtigen Antworten war der weitere Ausbildungsweg möglich. Diese Anforderung besteht heute nicht mehr, aber es ist trotzdem empfehlenswert, sich diesem Stresstest auszusetzen, um zu sehen, wo man steht und um Feedback zu allen falsch beantworten Fragen zu bekommen. Das hilft einem, die eigenen Leerstellen und Misskonzeptionen zu identifizieren. Ob man beim ersten Mal besteht oder nicht – man lernt auf jeden Fall eine Menge Nuancen. Der Test kann beliebig oft wiederholt werden. Der Button unten führt zur deutschen Version des Assessments, die Original-Version auf Englisch kann man hier finden.

Selbst-Assessment für Holacracy Praktizierende

Holacracy Coach Training (HCT)

Das Holacracy Coach Training ist ebenfalls ein viertägiges, öffentliches Training, (bzw. ein über mehrere Wochen gestrecktes Online-Training). Hier vertieft man in einer Fortführung der Simulation aus dem HPT, wie man mit komplexeren Situationen im Governance und Tactical Meeting und mit Praxisanfänger*innen umgeht. Man lernt, worauf es bei einem Governance Audit zu achten gilt und wie man komplexe, mehrteilige Governance Vorschläge entwickelt, die die Struktur-Prinzipien von Kohäsion und Kopplung berücksichtigen. Die Teilnehmenden üben Coaching inner- und außerhalb von Meetings und simulieren Gespräche mit Klient*innen in verschiedenen Reifestadien der Praxis. In einem App-Entwicklungsworkshop entwerfen die Teilnehmenden Governance-Vorschläge für gängige Themen und Fragen, die im Kontext von Holacracy neu beantwortet werden müssen: Vergütungssysteme, On- und Offboarding, Performance Review und ähnliches. Die Absolvent*innen des Trainings gewinnen eine neue Perspektive auf die Praxis und bekommen das nötige mentale Rüstzeug für eine Begleitung von Unternehmen als Holacracy Coach an die Hand.

Manche fühlen sich an dieser Stelle schon bereit für das Coach-Zertifizierungsassessment, während andere nach dem Training lieber noch bestimmte Aspekte der Praxis vertiefen.

 

 

Vorbereitung auf das Assessment

Die Hauptformen, wie man sich auf das Assessment vorbereiten kann, sind

  • die kontinuierliche Praxis in einer Organisation
  • die Teilnahme an selbstorganisierten Übungsgruppen
  • das Sammeln von Erfahrung in pro bono Coaching-Situationen

Der erste Pfad ist selbsterklärend. Der zweite Pfad ist möglich, wenn genug Kandidat*innen sich zusammenfinden, um in einer selbstorganisierten Übungsgruppe gemeinsam Prozessmoderation zu üben und ihre Fähigkeiten untereinander zu schärfen. Solche Möglichkeiten gibt es manchmal in der Englischsprachigen Community of Practice. Für den deutschsprachigen Raum könnte das in einschlägigen Foren (z.B. Holacracy Praxis Community) ebenfalls organisiert werden.

Der Pfad pro bono Coaching bezieht sich auf die Möglichkeit, als angehender Coach mit Organisationen zu arbeiten, die Holacracy einführen wollen, sich aber vielleicht gerade keinen Coach leisten können. Solange keine Holacracy-Dienstleistungen verkauft werden (das ist an die Lizenz gebunden), gibt es für noch nicht lizenzierte Personen keine Einschränkungen, Organisationen auf pro bono Basis auf diesem Weg zu begleiten. Ist ein bisschen wie ein kostenloser Haarschnitt bei einem Friseurlehrling: beide Seiten ziehen Gewinn aus einem solchen Arrangement: kostenlose Beratungs-Dienstleistungen (ohne Garantie) gegen wertvolle Lernerfahrungen.

Assessment

Das Holacracy-Assessment wird durch zwei autorisierte Coaches abgenommen, die in die Rolle von Mitarbeitenden einer Kundenfirma schlüpfen, welche neu Holacracy einführen will. Man agiert in diesem Szenario als Prozessmoderator*in (Facilitator) und muss die „Anfänger*innen“ coachen. Die Assessoren bewerten dann unabhängig voneinander die Performance und rechnen dann den Gesamtscore aus. Die Kandidat*innen fallen entweder durch, erreichen das Niveau eines*einer zertifizierten Prozessmoderator*in oder eines zertifizierten Coaches.

Die Prüfung ist relativ anspruchsvoll und besteht aus zwei Assessments, eines für Governance-Meetings und eines für Tactical Meetings. Die Assessments dauern zwischen 90 und 120 Minuten. Weitere Details findet man hier. Ähnlich wie bei dem schriftlichen Online Selbst-Assessment schaffen es viele nicht auf Anhieb, lernen aber eine Menge aus dem detaillierten Feedback der Assessoren. Xpreneurs bietet in Kürze ebenfalls ein Lizensierungs-Assessment in deutscher Sprache an.

Eine erfolgreiche Zertifizierung gilt für zwei Jahre. Innerhalb dieser Zeit kann man an Fortbildungs-Aktivitäten teilnehmen, um Continuing Education Units (CEUs), d.h. Fortbildungspunkte, zu erwerben. Diese sind nötig, um im Anschluss den Zertifizierungsstatus aufrecht zu erhalten. Auf diese Weise stellt HolacracyOne sicher, dass von den Zertifizierten gewisse Qualitätsstandards eingehalten werden, denn die Praxis entwickelt sich kontinuierlich weiter. Es gibt hier eine Reihe von Optionen, z.B. der Besuch des jährlichen Holacracy Forums, dem Fachtreffen der Coaches und Anwender*innen, sowie zahlreiche Online Angebote. Details kann man hier auf der Webseite von HolacracyOne erfahren.

3. Als Holacracy Coach arbeiten

Nach all dem Training ist man gut genug vorbereitet, um sich in die Komplexität der Arbeit in der Begleitung von Organisationen zu stürzen und hier vertiefende Lernerfahrungen zu machen. Wie beim Holacracy Praxis Training ist auch beim Coach Training das Ziel, ein:e kompetente:r Anfänger:in zu werden, der oder die reif genug ist, um durch Praxis den weiteren Lernweg selbst zu gestalten. Beratungserfahrungen aus anderen Kontexten können hierbei natürlich hilfreich sein. Es gibt mindestens drei Arten, wie man als Coach wirken kann:

  1. Firmeninterner Holacracy Coach
  2. Individueller Holacracy Coach
  3. Holacracy Coach bei einer Provider Organisation

Firmeninterner Holacracy Coach

Hier wendet man sein im Training erworbenes Coach-Wissen intern als Holacracy Implementierungs-Lead im Kontext der eigenen Firma an. Das ist übrigens auch ohne eine Zertifizierung möglich, denn jede Organisation darf frei Holacracy praktizieren – nur der Verkauf von Leistungen mit der Holacracy® Marke ist lizenzrechtlich geschützt.

Individueller Holacracy Coach

Mit einer Zertifizierung in der Tasche darf man als individuelle*r Unternehmer*in offiziell mit der Holacracy-Marke im Markt auftreten und Firmen Coaching- und Beratungsdienstleistungen verkaufen. Man wird auf der Liste der offiziellen Provider auf der HolacracyOne Webseite gelistet und ist auch auf diese Weise für Kund*innen auffindbar. Für alle Holacracy-bezogenen Dienstleistungen werden aktuell 15% Lizenzgebühr fällig. Mit diesen Gebühren finanziert HolacracyOne weitere Grundlagenarbeit, Ressourcenentwicklung, organisiert Coach-Gatherings zum internen Austausch, und vieles mehr.

Holacracy Coach bei einer Provider Organisation

Wenn eine Organisation offiziell von HolacracyOne als Holacracy Provider anerkannt ist (weil dort lizenzierte Coaches arbeiten, z.B. Xpreneurs), dann kann man auch in diesem Rahmen am Markt auftreten und wirken. Das gilt auch für angehende Coaches, die noch nicht voll zertifiziert sind. Sie finden hier ein gutes Ausbildungs- und Übungsfeld, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Auch Provider Organisationen müssen 15% Lizenzgebühr abführen.

Das Sahnehäubchen: Holacracy Master Coach

In den Governance Aufzeichnungen von HolacracyOne wird der Zertifizierungsprozess für diese höchste anerkannte Stufe wie folgt beschrieben:

„Ein Holacracy Master Coach kann kurz und knapp die gerade richtige Einsicht vermitteln, um jemanden in seiner Holacracy-Praxis zu unterstützen, mit einem nuancierten, tiefen und akkuraten Verständnis der Methode. Er oder sie kann neue Arten Holacracy zu verstehen, artikulieren, um die Praxis zu erleichtern und generell das Verständnis von Holacracy in der Welt voranzubringen. Er oder sie kann erfolgreiche Coachingtechniken innovieren und anwenden; kann auf meisterhafte Weise während Tactical und Governance Meetings moderieren und coachen, während er oder sie eine tiefe und kraftvolle Erfahrung von Holacracys neuartigem Paradigma vermittelt; kann mühelos selbst erfahrene Coaches coachen und Nuancen zu ihrem Verständnis und ihrer Coachingpraxis beitragen.

Ein angehender Master Coach muss die folgenden Dinge schriftlich bei @Holacracy Ecosystem einreichen:

  • Eine Sammlung von Texten oder Aufzeichnungen, von denen der Kandidat, bzw. die Kandidatin glaubt, dass sie den Kriterien des Abzeichens entsprechen.
  • Eine schriftliche Bestätigung von drei anderen Coaches (mit mindestens zwei Holacracy Master Coaches), dass sie durch direkte Interaktion klare und konsistente Belege dafür haben, dass der Bewerber, bzw. die Bewerberin den Kriterien eines Holacracy Master Coaches entspricht.“

Der Titel “Holacracy Master Coach” ist also ziemlich voraussetzungsreich und die Menschen, die diesen Reifegrad im Holacracy Ökosystem innehaben, kann man an einer Hand abzählen (mittlerweile vielleicht an zwei Händen). Letztlich ist Meisterschaft in jeder praktischen Kunst, sei es nun Musik, Medizin, Kochen, Sport o.ä. ein sich unendlich vertiefendes Spiel, für das man immer mehr ein inneres Gefühl entwickelt. Dieses innere Sensorium eines Praktizierenden wird sich nie vollständig explizit in Form von “knowing-what”-Wissen beschreiben lassen. Es ist eine Form von “knowing-how”-Wissen, das man in sich aufbauen muss, das aber trotzdem in der Interaktion zwischen “Meister*in” und “Schüler*in” in gewissen Maße übertragen werden kann. 

Für Holacracy-Praktizierende kommen ab einem gewissen Reifegrad dann auch andere, mit der Praxis verwobene Bereiche immer stärker in den Blick, so z.B. der Kontext der rechtlichen und finanziellen Strukturen oder auch unterschiedliche Reifegrade der innerlichen Entwicklung der Mitarbeitenden und wie diese Kontexte auf die Holacracy Praxis zurückwirken. 

Wie dem auch sei – selbst die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt und man muss ja schließlich auch noch ein paar Ziele für die Zukunft übrig haben…

Fazit

Man kann Holacracy auf verschiedenen Stufen der Reife anwenden und coachen. Wer sich darin offiziell zertifizieren lassen will, der hat die oben beschriebenen Optionen (Stand Februar 2022). Für alle Menschen, deren Sinn und Zweck es ist, anderen Menschen dabei zu helfen, mehr Sinn und Zweck in ihrer alltäglichen Arbeit in ihrer Organisation zu finden und zum Ausdruck zu bringen, ist die Arbeit als Holacracy Coach eine wunderbar erfüllende Tätigkeit, die gemeinhin auch wirtschaftlich gesehen einträglich ist. Wer also die entsprechenden Talente und Neigungen und vor allem Überzeugung mitbringt, der kann eine Menge bewegen.

 

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