Selbstorganisation als Übung im Umgang mit Autorität

Eine Sache kann die Management-Hierarchie gut:  Sie liefert eine klare Antwort auf die Frage „Wer hat hier das Sagen?“ Einige von uns führen und der Rest folgt. Klarer geht’s nicht!

Diese Klarheit ist verschwunden, sobald eine Organisation zu Selbstorganisation wechselt. 

Wer führt und wer folgt nun?

Die Antwort: es kommt darauf an.

Lernen zu unterscheiden, wann man führen und wann man folgen muss, ist eine kontinuierliche Übung darin, Autorität zu ergreifen und zu geben.

Warum solltest du dir deiner eigenen Gewohnheiten des Führens und Folgens bewusst werden?

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Es hängt davon ab, worüber entschieden wird, welche Rollen beteiligt sind und welche Befugnisse diesen Rollen gewährt worden sind. Nun, da wir von der Hierarchie keine Antworten erwarten können, müssen wir lernen, sowohl zu führen als auch zu folgen, je nach der Rolle, die wir in einer bestimmten Situation spielen, und lernen nahtlos zwischen beiden zu wechseln.

Das klingt einfach, doch die meisten von uns haben entweder eine Präferenz zu führen (Autorität ergreifen) oder zu folgen (Autorität geben).

In der Praxis kann das so aussehen (von dir oder deinen Kolleg*innen): 

  • Keine Entscheidungen treffen, oder anderen den Vortritt lassen, statt die Befugnis deiner Rolle zu nutzen
  • Nicht den Mund aufzumachen, wenn du eine Spannung fühlst, einen Einwand hast, etc.
  • … und viele andere, oftmals subtile Arten auf Autorität zu reagieren

Klingt das interessant, oder gar peinlich bekannt?

Während eines Meetups teilte Diederick eine andere Sichtweise auf Autorität und war Moderator eines Gespräches über die Schwierigkeiten, Autorität auf gesündere und reifere Weisen zu ergreifen und zu geben.

 

Über Diederick Janse

Diederick ist ein Holacracy Master Coach bei Energized.org und hat dutzende Organisation bei ihrer Reise in die Selbstorganisation begleitet. Vor ein paar Jahren entwickelte er ein Interesse an der menschlichen Seite von Autorität, bzw. wie man (formal gewährte) Autorität voll und ganz annimmt, als auch folgt und seine Kolleg*innen voll und ganz unterstützt, wenn sie dasselbe tun. 

Sobald er mehr über das Thema gelernt hatte, fiel ihm zunehmend auf, wie oft Autoritätsmuster im voraus Entscheidungen prägen. Diederick ist z.B. der Mitbegründer einer selbstorganisierten Firma (ja, Energized.org  ). Und ihm fiel auf, dass die Leute den Aussagen der Mitgründer mehr Gewicht gaben als wenn genau dasselbe von jemand anderem gesagt wurde. Da ihn das total nervte, entschied er sich das tiefer zu erkunden, was ihn zu einem Modell führte, das SCT® genannt wird.

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Reaktionen gegenüber Autorität

Autorität anzunehmen (oder wenn Autorität auf einen projiziert wird) ist fast immer ein Auslöser für Muster. Diese Muster reichen lange zurück. Wie so vieles andere nehmen sie ihren Ausgang in unserer Kindheit. Die Reaktion gegenüber der Autorität ist ein Kompromiss zwischen Sicherheit und Verbundenheit mit unseren primären Bezugspersonen und der fragilen Autonomie, die du in der Kindheit entwickelst. Diese Muster bleiben in uns und können uns in die Quere kommen, wenn wir als ‚Erwachsene‘ unsere Arbeit erledigen wollen. 

Die Reaktion gegenüber Autorität kommt normalerweise in einer von zwei Geschmacksrichtungen, welche beide einen Kompromiss zwischen Sicherheit und Autonomie darstellen: Trotz oder Folgsamkeit. Trotz zeigt sich als Ungehorsam oder Widerstand, während Folgsamkeit sich auf Verhaltensweisen wie Anpassung an andere und Mitgehen bezieht.

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Erwachsener-Erwachsener, nicht Eltern-Kind

Ein Mittel, mit dem Holacracy Klarheit über Autorität bringt, ist, indem es explizite Rollen definiert. Das ist die sichtbare Seite von Autorität. Mit Holacracy ist Führen und Folgen nicht länger statisch, sondern dynamisch. Ein Kollege mag in einem Bereich führen, weil es zu seiner Rolle passt, während er in einem anderen Bereich dir in einer deiner Rollen folgen muss. 

Doch es gibt auch eine unsichtbare Seite von Autorität, so wie die Reaktionen, Weisen der Kommunikation und nonverbalen Verhaltensweisen von Menschen. Sobald du dir des Autoritäts-Themas bewusst bist, wirst du bemerken, dass es sehr subtile Arten gibt, in denen sich alte Muster zeigen. 

So z.B., wenn du mit einem Vorschlag mitgehst, weil du annimmst, dass dein Kollege „es wahrscheinlich besser weiß“. 

Oder wenn du ein autoritatives Statement über Themen abgibst, die außerhalb deiner Rollen (und somit Befugnis) fallen.

Oder wenn du still bleibst, wenn jemand einen Vorschlag macht, entweder aus Trotz oder Folgsamkeit. 

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Was kannst du tun?

Mit der Zeit und Übung kannst du beginnen, deine eigenen trotzigen oder folgsamen Reaktionen gegenüber Autorität, sowie die der anderen, zu erkennen. Mit Gewahrsein bekommst du eine Wahl: du kannst tun, was du immer schon getan hast (seit deiner Kindheit), oder du kannst etwas Neues versuchen und schauen, was passiert. Was sogar noch wirksamer ist, ist diese Reise mit deinen Kolleg*innen zu unternehmen und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, um darüber zu reden. 

Hier sind ein paar Fragen, die hilfreich für dich sein könnten, um deine eigene Beziehung zu Autorität zu erkunden: 

  • Was findest du am schwierigsten, führen oder folgen? Bist du eher trotzig oder folgsam? (Kann in unterschiedlich sein in unterschiedlichen Kontexten). 
  • Was sind deine Auslöser für Probleme mit Autorität? (Verbale oder nonverbale Zeichen?)
  • Wo kannst du das in einem sicheren Rahmen üben und kleine Experiment damit machen, etwas anderes zu probieren? (Holacracy ist ein wunderbares Übungsfeld, um sich des Problems mit Autorität bewusster zu werden und es zu schwächen). 

Dieser Artikel ist am 24.11.2011 auf Englisch hier auf dem Blog von Energized.org veröffentlicht worden. Übersetzung durch Dennis Wittrock von Xpreneurs mit freundlicher Genehmigung von Paula Nordzhauzen (Energized.org).

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