Holacracy® Grundlagen: Die Absicht, sich daran zu halten

Was “die Regeln befolgen” wirklich heißt

Übersetzung: Xpreneurs; Originaltext: hier

Ich höre die Leute oft sagen: “Was passiert, wenn jemand eine Regel bricht?” Und es gibt ein paar allgemeine, technische Antworten auf diese Frage. Doch ich bin kürzlich zu einer neuen Interpretation dieser Frage gelangt – eine, welche die Frage so überaus aufschlussreich macht, dass ich das Gefühl habe, dass ich um Verzeihung bitten muss dafür, dass ich das nicht eher erkannt habe. Lass es mich erklären. 

Holacracy entspricht den Regeln der Verfassung. Sie sind dasselbe. Daher MUSS eine Organisation (und jede*r darin), der*die Holacracy praktizieren will, die Regeln der Verfassung befolgen. Doch wenn ich sage, sie “müssen die Regeln befolgen”, dann meine ich nicht, dass sie tatsächlich die Regeln befolgen werden

Wie jedes Regelwerk ist es dazu da, um zu helfen, die Dinge in Einklang zu bringen und es gibt zwei Arten, wie das geschieht: 1) indem es einem Orientierung gibt, damit die Regeln gar nicht erst gebrochen werden, 2) indem man re-orientiert wird, sobald die Regeln zwangsläufig verletzt werden.

Zu oft denken die Leute dass es bei der Regelbefolgung nur um ersteres geht und sie vergessen, dass – zumindest in Holacracy – Regelbruch geschehen wird. Und als Fakt der Realität ist das tatsächlich ok.

Kurz gesagt, es ist ok die Regeln zu brechen, … tja, weil es ohnehin geschehen wird und diese Realität zu ignorieren bedeutet, dass die Leute das System nicht wirklich effektiv nutzen werden, weil sie wegen irgendeiner imaginären Konsequenz nicht riskieren wollen, möglicherweise eine Regel zu brechen. 

cars in lanes

Du MUSST in deiner Spur bleiben… UND falls du ein wenig driftest, dann steuere zurück und fahr einfach weiter

Was passiert, wenn eine Regel gebrochen wird?

Stell es dir mal folgendermaßen vor: Stell dir vor, dass du zwei Menschen negatives Feedback geben willst. Sie haben beide dieselbe Toleranz – lass uns sagen 100 Einheiten Feedbacktoleranz. Doch das ist nicht genug Information, um zu wissen, welchen Ansatz du wählen solltest, um dieses Feedback zu geben, denn du weißt nicht: “Was passiert, wenn / falls ich ihre Toleranzgrenze überschreite? Wie werden sie DARAUF reagieren?”

Wenn also die Überschreitung von 100 Einheiten von Feedback für Person A bedeutet, dass sie sich unwohl und aufgewühlt fühlt, dann weißt du, dass du es riskieren kannst, bis auf 100 Einheiten raufzugehen, denn es gibt einen Weg nachzusteuern und anzupassen, falls du die Grenze überschreiten solltest.

Vergleiche das nun mit Person B, für die die Überschreitung ihrer Grenze bedeutet, dass sie ausrastet und anfängt, mit dem Messer auf dich einzustechen. Wirst du es überhaupt wagen, nahe an die 100 zu kommen, wissend, dass falls du sie überschreiten solltest, dass du dann zu einem menschlichen Nadelkissen wirst? Natürlich wirst du das nicht tun. Vielleicht riskierst du bis 90% der Grenze raufzugehen, oder im Fall einer messerstechenden Person vielleicht nur 75%.

All das will sagen: Jemandem zu erzählen, dass er “die Regeln befolgen” soll, ist nicht genug. Du musst es für sie deutlich machen: “Was passiert, wenn die Regeln (zwangsläufig) gebrochen werden? Was wird die Antwort des Systems sein?”

Wenn du in Holacracy neu bist und deine Firma gerade erst mit der Praxis begonnen hat, fühlst du vielleicht eine große Angst die Regeln zu brechen. Und wenn man den Leuten sagt, dass sie sie “befolgen müssen”, dann trägt das wahrscheinlich zu dieser Angst bei. 

Es ist eine unzureichende, kategorische Aussage, die vieles der Fantasie überlässt. Und die meisten Menschen werden wahrscheinlich die öffentliche Verletzung einer Autorität mit Gefühlen von Scham und Demütigung assoziieren. Mit anderen Worten, die eingebildete Strafe für die Verletzung einer Regel ist potenziell ein furchtbares, soziales Shaming. 

Im Bewusstsein, dass sie noch nicht wissen, wie man dieses Spiel spielt, reagieren neue Praktizierende logischerweise, indem sie… 

  • … wie besessen versuchen, das ganze System zu verstehen, so dass sie Zuversicht haben, dass sie keine Regeln brechen werden.
  • … auf findige Weise versuchen, die Sichtbarkeit der Regeln zu minimieren, so dass ihre unbeabsichtigten Verstöße nicht auffallen. 
  • … unbewusste soziale Vereinbarungen eingehen, um zu vermeiden einander in Bezug auf die Regeln herauszufordern, denn wenn ich dich an den Pranger stelle, dann könntest du auch mich an den Pranger stellen. 

Also für mich erklärt das vieles. Ich habe viele dieser Verhaltensweisen für etwas anderes gehalten, als das was sie sind. Doch dieses Wissen eröffnet einige neue Möglichkeiten. 

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Die Absicht, sich daran zu halten

Zunächst empfehle ich, deutlich zu machen, dass “die Regeln befolgen” bedeutet, dass man “die Absicht, sich daran zu halten” hat. Mit anderen Worten: Wenn du der Befolgung dieser Regeln zustimmst, dann stimmst du in Wirklichkeit nur zu, dass du dein Bestes tun wirst, um sie zu befolgen – in dem Wissen, dass du sie brechen wirst

Wie im Feedback-Beispiel muss jemand, wenn er*sie gebeten wird, ein neues Regelwerk zu befolgen, die Erwartungen in Bezug auf das Mitmachen kennen. Ist es eine Regel wie, “Sei stets freundlich” oder, “Töte keine Menschen” oder ist es wie das Gesetz der Schwerkraft? Das sind drei sehr verschiedene Arten von Regeln. 

Die Absicht, sich daran zu halten stellt eine wichtige Qualifizierung dessen dar, was “die Regeln befolgen” wirklich heißt. Es öffnet das Tor, um zu erklären, dass die Erwartung ist, dass wir einander unterstützen wollen, wenn wir darauf hinweisen, dass sich jemand außerhalb des Spielfeldes bewegt. Genauso, wie wenn eine neue Gruppe von Menschen gemeinsam ein neues Spiel lernt – es wird die kollektive Intelligenz brauchen, um die Dinge wirklich zu verstehen. 

Auf diese Weise kann die Praxis wirklich selbst-reguliert werden. Jede Gruppe möchte vielleicht explizit darüber sprechen, wie sie Fehltritte auf eine Weise kommunizieren, die sich unterstützend und klärend anfühlt (z.B. “Nur aus Neugier, welche meiner Rollen fragst du gerade?”) statt nach einer Art Gedankenpolizei.

Fazit

Jemandem zu sagen, dass er die Regeln von Holacracy befolgen soll, ist nicht genug. Es geht darum, einige limitierende und implizit soziale Normen, die in Jahren der Arbeit in einer Management-Hierarchie gelernt wurden, durch klare, explizite Regeln zu ersetzen. Doch die Strafe für das Brechen der sozialen Normen steckt uns tief in den Knochen: Du wirst verurteilt, beschämt oder blamiert. 

Man kann es den neuen Praktizierende also verzeihen, dass sie annehmen, dass dasselbe für diese neuen Holacracy Regeln gilt. Insbesondere, weil normalerweise nichts darüber gesagt, wird, was “die Regeln befolgen” wirklich heißt. Und wenn nicht darüber gesagt wird, was geschieht, wenn jemand eine Regel bricht, dann wird dieses Vakuum einfach durch Angst gefüllt – eine Angst, die angesichts ihrer Erfahrungen komplett gerechtfertigt ist.

Lasst uns stattdessen alle daran erinnern, dass die Regeln zu befolgen einfach heißt “eine Absicht, sich daran zu halten” zu haben. Wenn also jemand auf einen Regelverstoß hinweist, dann ist die Antwort nicht, “Das ist bescheuert! So etwas mache ich nicht!”, die Antwort ist neugierig, offen und adaptiv (z.B. “Oh, das wusste ich nicht. Komisch. Also warum ist das eine Regel?” oder etwas dergleichen). Und hoffentlich führt das letztlich zu einer menschlicheren und effektiveren Holacracy-Praxis, oder zumindest zu weniger Messerstecherei.


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Dieser Blogbeitrag erschien erstmals auf dem Blog von HolacracyOne. Das Original findest du hier. Die Übersetzung stammt von Dennis Wittrock (Xpreneurs ) mit freundlicher Genehmigung von HolacracyOne.

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